Verhängnisvolles Webdesign

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Webdesign bezahlt, Template bekommen

Wenn in früheren Zeiten Künstler den Auftrag erhielten ein bestimmtes Werk anzufertigen, so war dies zuallererst eine große Ehre. Immerhin setzte man damit großes Vertrauen in die Fähigkeiten des Künstlers. Was passierte aber, wenn sich später herausstellte, daß der Künstler die fertige Arbeit eines unwissenden Dritten dreist als eigenes Werk ausgegeben hatte? Höchstwahrscheinlich wurde er mit Schande vom Hof gejagt. Immerhin war seine Ehre anschließend stark beschädigt. Schwer vorstellbar, dass dieser Typ in seinem Beruf noch einen Fuß auf den Boden bekommen hätte.

Heutzutage zählen jedoch gerade Firmen, die ähnliche Methoden anwenden zu den erfolgreichsten Anbietern. Wie kann das sein?

Heisse Ohren für Webdesigner

Häufig wird aus Budgetgründen ein fertiges Template genommen und dieses anschließend als neues Webdesign verkauft. In meinen Augen sind die Auftraggeber damit schlecht beraten, denn das ist faktisch gelogen. Das selbe Webdesign wird bereits tausendemale identisch von anderen Anbietern genutzt. Naheliegenderweise früher oder später von direkten Konkurrenten. Manchmal mag dieser Vorgang zunächst komplett unbemerkt bleiben, da man sich auf die Entwicklung des Kerngeschäfts konzentrieren wird. Hinterher aber wird der Ärger dann umso größer sein. Deshalb darf das Template-Thema meiner Meinung nach nicht verschweigen werden. Hier sollte doch fairerweise mit offenen Karten gespielt werden.

Wirtschaftlich mag es ein guter Verdienst sein, wenn man seinem Kunden ein Webdesign-Template mit teils über zehntausenden Prozent Gewinn als eigene Arbeit weiterverkaufen kann. Doch das ist es überhaupt nicht. Es ist stattdessen schlicht eine unfaire Methode um den eigenen Gewinn überproportional explodieren zu lassen. Unfair in erster Linie gegenüber dem eigenen Auftraggeber.

Verhängnisvoller Abschluß

Es ist schlecht für den Kunden, da er zuviel bezahlt! Vielleicht scheitert gar manch gutgemeintes Projekt genau deshalb, weil nach Abschluß kein Budget mehr für die Vermarktung übrigbleibt. Hierbei wird einfach nur die Unwissenheit der Leute ausgenutzt. Das ist keine Kunst!

Der Verkauf von Templates als eigene Designleistung ist aber auch schlecht für alle anderen Anbieter, weil solche faulen Angebote einen transparenten Wettbewerb verhindern. Einzelne Angebote können daher ohne tiefergehende Kenntnisse fast nicht miteinander verglichen werden. Leistung, Analyse, Konzeption und Programmierung einer Eigenentwicklung stehen in keinem Verhältnis zur Kopie eines Templates. Eine von Grund auf neuentwickelte Website bedeutet deutlich mehr Arbeitsaufwand, als die Anpassung einer beliebigen Kopie. Das ist logisch und dürfte niemanden verwundern.

Ein Branchentemplate für die Konkurrenz

Zur Verdeutlichung möchte ich als Beispiel ein Template nehmen, dass speziell für das Gastronomiegewerbe entworfen wurde. >Hatschi< Optisch ist das ansprechend gemacht. Keine Frage. Von gewissen Anbietern werden deshalb nun als erster und letzter Arbeitsschritt alle Copyright-Hinweise entfernt. Dem Schmücken mit fremden Federn kann man offenbar schwer wiederstehen. Und für das Entfernen reichen dann auch glücklicherweise HTML-Grundkenntnisse.

 

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Anschließend wird dieses Template dann für ein Vielfaches angeboten. Aus 50$ werden somit locker 5.000 € und manchmal sogar deutlich mehr (je nach Agentur). Selbstverständlich müßen bei einer Website auch immer irgendwie die Selbstkosten eines Teams ins Projekt einfliessen. Aber annähernd 10.000 % und mehr Aufschlag für zwei Stunden Arbeit finde ich persönlich ziemlich dreist. Zumal man häufig den Auftraggeber über das eigentliche Vorgehen im Dunkeln lässt. Dieser glaubt meist immernoch, ein spezifisch auf seine Bedürfnisse zugeschnittenes Webdesign zu erhalten. Und dem ist ja nicht so.

Wenn also außer seinem eigenen Geschäft tausende weitere Gastronomie-Websites nach und nach das gleiche Design erhalten, dann sollte der Auftraggeber fairerweise auch vorab auf diesen Punkt aufmerksam gemacht werden. In übersättigten Märkten erhält er sicher keinen Vorteil dadurch, sich genauso zu präsentieren wie es eben alle tun. Da hilft stattdessen Eigenständigkeit und ein eigenes Erscheinungsbild. Das gilt natürlich besonders für Anbieter, die sich im Premium Bereich bewegen.

Weshalb gut aussehen nicht genug ist

Eine Website stellt ein Vertriebstool dar und muß entsprechende Konversionen abwerfen. Abgesehen von der Optik ist das bei den meisten Templates aber alles andere als optimal gelöst. Manche sehen ohne Frage visuell schön aus, doch abseits der Optik lauert dann das Grauen. Wenn man manchen Code etwas intensiver betrachtet kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Jetzt würde ich aber nicht so weit gehen und die zugrundeliegende Performance von Code, Plugins und verlinkten Bibliotheken mit den jüngsten Abgastests eines deutschen Autoherstellers in Zusammenhang bringen. Doch ehrlich gesagt kommt das der Sache manchmal schon relativ nahe. Technische Betrachtungen führen hier aber zu weit vom eigentlichen Thema weg. Gut Aussehen ist jedenfalls in Wirklichkeit nur die halbe Miete.

WordPress Templates als Unternehmenswebsite

Natürlich gibt es Fälle, in denen ein einfaches Template für die Bedürfnisse des Kunden ausreicht. Meist ist ja auch eine Anpassung bezüglich der spezifischen Wünsche möglich. Gerade für Startups ist das manchmal eine adäquate, da preiswerte Lösung. Dagegen ist meiner Meinung nach auch gar nichts zu sagen. Eine einfache CMS-Installation z.B. von WordPress, Joomla, Drupal etc. mit einem beliebigen Template sollte jedoch fair kalkuliert werden. Dafür sollte man mit offenen Karten spielen und nicht Birnen statt Äpfeln verkaufen. Die preislichen Vorteile können dabei leicht an den Aufttraggeber weitergegeben werden.

Das Ausnutzen der Unwissenheit mancher Auftraggeber ist aber längst noch nicht alles. Es gibt weitere durchaus verbreitete Methoden, die von den Webdesignvertriebsleuten genutzt werden, um immer neue Aufträge zu generieren.

Ein Angebot, dass Sie nicht Ablehnen können

Einer der größeren Anbieter in Deutschland wartet zum Beispiel bei jedem Kostenvoranschlag mit einem konkurrenzlos günstigen Einstiegspreis auf. Da ist dann auch wirklich komplett an alles gedacht worden. Der Haken ist nur, und dies merken offenbar die wenigsten vorher, dass Sie diesen Preis nach dem erfolgten Abschluß monatlich zahlen müßen. Die fertige Website ist nämlich nicht gekauft, sondern nur gemietet. Dieser Umstand ist irgendwo im Kleingedruckten versteckt. Man hat also viel Fachkenntniss bewiesen, diesen angeblichen „Kaufvertrag“ so zu gestalten, dass der Kunde nie Eigentümer seiner eigenen Seite wird. Und selbst wenn er irgendwann einmal wechseln möchte erstmal zu einer langen Mindestlaufzeit oder Vertragsstrafe gezwungen wird. Anschließend steht er dann wieder komplett ohne eigene Website da.

Wie im ersten Fall wird auch hier mit der Naivität und dem Unwissen des jeweiligen Auftraggebers gespielt. Das finde ich nicht in Ordnung. Da hört für mich persönlich auch echt der Spaß auf. Welcher Auftraggeber würde denn zusammengerechnet über einen längeren Zeitraum so übertrieben viel bezahlen wollen, wenn ihm die Website anschließend noch nichtmal gehört? Vermutlich niemand! Die jeweiligen Entscheider wissen es nur bei der Unterzeichnung oft nicht besser und lassen sich daher leicht „belabern“. Das Nachsehen, haben häufig Webdesigner, die mit fairen Angeboten kalkulieren.

Noch vor wenigen Jahren konnte man größere Webdesign-Projekte noch leicht als One-man-Show entwickeln. Heute ist das Thema deutlich komplexer geworden. Themen wie Webdesign, Responsive Development, Ajax, CMS, Datenbanken, Marketing etc. erfordern immer mehr Spezialwissen. Dafür braucht man entsprechende Spezialisten.

Agenturen, die sich selbst lediglich als Template-Weiterverkäufer verstehen kommen nicht nur bei den ersten Datenbank-Problemen ins Schwitzen. Oft fehlt auch das Wissen für die komplexeren Abläufe innerhalb der CMS-Engine. Entsprechend muß man sich manchmal wundern, wieviel ungenutztes Potential auf der Strecke bleibt. Das „Performance“- Thema hatte ich ja bereits weiter oben kurz angeschnitten.

Transparente Webdesign-Kalkulation

Ich würde mir wünschen, daß ich mit diesem Artikel einige Auftraggeber ein wenig für das Thema sensibilisieren konnte, damit Sie sich eher Ihre eigene Meinung bilden können und sich nicht ohne weiteres von ihrer freundlichen Internetagentur austricksen lassen. Letztlich wäre es wünschenswert, wenn sich Ehrlichkeit auch in der Branche auszahlt. Deswegen werde ich trotz fragwürdiger Begebenheiten nicht gleich alles in Frage stellen. Denn gutes Webdesign macht Glücklich. Und das ist wirklich so!

 

 

Abgelegt in: Web Design Datum: 24. September 2015 Erstellt von Stephan Bender

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